Migrationspolitik wird seit Jahren zum Austragungsort gesellschaftlicher Grundkonflikte erklärt. Durch den ständigen Fokus auf Probleme und Krisen erleben migrantische Personen zunehmend Einschränkungen ihrer Grundrechte und sind verstärkt Rassismus ausgesetzt.
Unsere Gesellschaft durchlebt einen tiefgreifenden Wandel, in dem vermeintlich bewährte, aber langfristig unhaltbare Sicherheiten wegbrechen und die daraus entstehenden Folgekosten immer deutlicher werden. In dieser Unsicherheit erscheint eine Isolationspolitik manchen als Lösung. Doch diese gefährdet nicht nur die Zukunft Deutschlands und Europas, sondern ignoriert auch zentrale Herausforderungen wie den demografischen Wandel. Ohne Zuwanderung droht eine dramatische Verschärfung des Arbeitskräftemangels. Abschottung führt zudem zu einer Verschärfung sozialer Konflikte um knappe Ressourcen und fördert rassistische Strukturen.
Die offenen Grenzen in Europa sind eine zentrale Errungenschaft, die erhalten bleiben muss. In diesem Rahmen ist eine aktive und gestaltende Migrationspolitik notwendig, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Statt auf Abwehr zu setzen, müssen wir Migration als Chance begreifen. Sie ist ein unverzichtbarer Teil unserer globalen Realität und bietet die Möglichkeit, eine gerechtere, nachhaltigere und lebenswertere Zukunft für alle zu schaffen.
Gesamtgesellschaftlich erleben wir einen tiefgreifenden Wandel, in dem bewährte Sicherheiten verloren gehen und die Folgekosten zunehmend sichtbarer werden. In diesem Kontext erscheint eine Isolationspolitik manchen als vermeintliche Lösung, um Stabilität zu bewahren und Herausforderungen im Inneren besser kontrollieren zu können.
Eine Politik der Abschottung bedeutet eine enorme Belastung aller Menschen in Deutschland. Die Bewegung von Menschen und Gütern gehört zu den wesentlichen Dynamiken unserer globalisierten Zeit. Aus ökonomischer Sicht würde ein Verzicht auf Zuwanderung zu erheblichen Wachstumseinbußen und Versorgungsengpässen führen. In sozialer und gesellschaftlicher Hinsicht stehen wir vor einem wachsenden Konkurrenzdruck, in dem ökonomisch schwächere Gruppen das Nachsehen haben. Dies verstärkt rassistische Strukturen und führt zu einem Erstarken völkischen Denkens, das als „Schutz“ vor globalen Entwicklungen gesehen wird.
Die freie Bewegung von Menschen, Gütern und Dienstleistungen über Ländergrenzen hinweg sind eine Errungenschaft der europäischen Einigung – sie fördern den Austausch von Kultur und Wissen. Für eine vernetzte Gesellschaft wie die unsere ist eine Politik der Abschottung mit existenziellen Nachteilen verbunden. Zugleich würde ein Verzicht auf Zuwanderung den bereits bestehenden Fachkräftemangel verschärfen und das Kürzen von Angeboten bspw. im Bereich der Gastronomie oder dem Gesundheitssektor bedeuten. Unternehmen, die dauerhaft kein Personal finden, werden ihre hiesigen Standorte auf den Prüfstand stellen. Zugleich entstehen durch Migration Konkurrenzsituationen: am Wohnungsmarkt, im Bereich der Bildung oder generell beim Einsatz knapper öffentlicher Mittel. Diesem Konkurrenzdruck wiederum sind vor allem ökonomisch schwächere Gruppen ausgesetzt, was rassistische Einstellungen oder auch das Erstarken völkischen Denkens, welches als „Schutz“ vor globalen Entwicklungen gesehen wird, fördert.
Unsere Aufgabe ist es, die Stärke Europas zu bewahren: eine Gesellschaft, die auf Gleichberechtigung, Respekt und eine konstruktive Fehlerkultur setzt. Unser Ziel ist eine lebenswerte, gerechte, sichere Gesellschaft. Wir befürworten darum regelmäßig überprüfte, wissenschaftlich gestützte Maßnahmen gegen Terror. Sicherheit heißt aber auch, dass auch Migrant*innen Vertrauen in staatliche Organe haben können, menschliche Perspektiven zu geben und eine angemessene, nicht überhöhte mediale Darstellung von Straftaten. Bei schweren Straftäter*innen oder Extremist*innen, unabhängig von ihrer Herkunft, müssen rechtsstaatlichen Mittel ausgeschöpft werden und sichergestellt werden, dass von diesen Personen keine Gefahr mehr ausgeht. Sicherheit vor Terror ist dann stark, wenn sie den demokratisch erbrachten Frieden schützt und unsere freiheitlichen Werte bewahrt.
Wir stehen für den Schutz unserer freiheitlichen Demokratie und unseres Rechtsstaates. Daher ist es für uns inakzeptabel, dass im Namen der Terrorbekämpfung geltendes Recht missachtet und Grund- und Menschenrechte verletzt oder bedroht werden.
Die BÜNDNISGRÜNE Verantwortung muss sich in einer umfassenden Antwort auf demokratie- und menschenfeindliche Bestrebungen zeigen und nicht im Mitmachen bei der politischen Umsetzung einer in den Populismus abgeglittenen Debatte. Als Einwanderungsland muss Deutschland die Herausforderungen und Potenziale der Migrationspolitik anerkennen und die Gleichberechtigung der migrantischen Bevölkerung als grundlegende Aufgabe begreifen und besonnen angehen.
Dafür setzen wir als BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN Sachsen auf drei zentrale Handlungsebenen:
1. Wir fordern Maßnahmen für einen Wandel in der sächsischen Migrationspolitik
Sachsen braucht Zuwanderung und gelingende Integration. Die Herausforderungen, vor denen Kommunen bei der Bearbeitung der Integrationsaufgaben stehen, werden auf keinen Fall bewältigt, wenn politisch lediglich an der Begrenzung von Zuwanderung gearbeitet wird.
Die künftige sächsische Regierung muss in der Migrationspolitik auf Integration und Zusammenhalt statt auf Abschottung und Abschreckung setzen. Es braucht Maßnahmen zur schnellen und gelingenden Integration, um Kommunen zu entlasten und zu stärken.
Wir sprechen uns mit Nachdruck für folgende Maßnahmen aus:
Die künftige sächsische Regierung muss zudem Maßnahmen ergreifen, um Menschenrechte zu schützen und sicherzustellen, dass Migrant*innen sicher und diskriminierungsfrei in Sachsen leben können. In einer Gesellschaft, in der Rechtsextremismus und Rassismus immer mehr Raum greifen, ist die staatliche Pflicht zur Sicherung der Menschenrechte für alle besonders dringlich.
Wir fordern folgende Maßnahmen zum Schutz von Geflüchteten und anderen Migrant*innen:
2. Wir setzen uns für eine funktionierende und menschenrechtskonforme Migrations- und Asylpolitik der Europäischen Union ein
Die Migrations- und Asylpolitik der EU muss sowohl pragmatisch als auch menschenrechtsorientiert sein. Unser gemeinsames Ziel als Europäer*innen muss es sein, Migration fair, sicher und effektiv zu steuern und dabei unsere humanitären Werte zu wahren.
Wir machen uns stark für folgende stabile Grundpfeiler in der europäischen Asyl- und Migrationspolitik:
3. Wir fordern den Schutz einer verantwortungsvollen Asylpolitik auf Bundesebene
Die gesellschaftliche Debatte rund um das Thema Asyl wird bundesweit mit großer Vehemenz geführt. Nicht selten gleitet sie in populistische Parolen und rassistische Stimmungsmache ab. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen kritisieren diese Debattenentwicklung entschieden. Wir erkennen an, dass Herausforderungen bei der Umsetzung von Integrationsaufgaben vor Ort und Angst vor islamistischem Terror den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden. Wir sprechen uns entschieden dagegen aus, dass als Konsequenz aus der aktuellen Verunsicherung bundespolitisch im Bereich Asylpolitik mit dem Abbau von Grundrechten von Asylsuchenden und der Aushöhlung des Asylrechts geantwortet wird. Mit Sorge beobachten wir im Schnellverfahren durchgesetzte Asylrechtsverschärfungen auf Bundesebene.
Als BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen kritisieren wir mit Nachdruck die im sogenannten Sicherheitspaket beschlossenen Asylrechtsverschärfungen, insbesondere den Leistungsausschluss für Schutzsuchende, bei denen die Ausreise in einen nach Dublin-Verfahren zuständigen Drittstaat rechtlich und faktisch als möglich eingeschätzt wird.
Der vollständige Entzug von Sozialleistungen setzt Menschen auf die Straße, die in der Regel an ihrer Ausreise gar nicht selbst mitwirken können, da die Überstellung staatlich organisiert wird. Der Entzug existenzsichernder Leistungen umfasst auch das Entziehen medizinischer Unterstützung, was lebensgefährlich werden kann. Die geplante Maßnahme ist ein Dammbruch in der Entrechtung und Gefährdung von Geflüchteten. Dass unter dem Druck des Bundeskanzlers, des Innenministeriums und unter grüner Regierungsbeteiligung derartige Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, ist für uns nicht hinnehmbar. Durch die asylrechtlichen Maßnahmen im sogenannten Sicherheitspaket wird Deutschland nicht sicherer, sondern unsicherer. Denn es steht zu befürchten, dass der Leistungsentzug Menschen in existenziell bedrohliche Notlagen versetzt. Zudem kann die Deklarierung derartiger Maßnahmen als Sicherheitsmaßnahme rechtspopulistische Narrative, die migrantische Personen unter Generalverdacht stellen, stützen und somit Rassismus verstärken. Wir lehnen eine Politik, die Menschen entrechtet und rassistische Narrative stärkt, entschieden ab.
Wir stärken unserer Bundestagsfraktion hiermit den Rücken, damit sie zukünftig auf den Schutz von Menschenrechten beharrt. Wir sind Antrieb und Rückendeckung für alle, die Asylpolitik vorantreiben, die pragmatisch ist, die den Schutz von Menschenrechten zentral stellt und dies als Stabilisierung unserer Gesellschaft begreift.
Pragmatische, menschenrechtsbasierte und stabilisierende Asylpolitik muss Realitäten anerkennen. Das bedeutet zum einen, dass besonnen und mit guten Lösungen auf wissenschaftliche Erkenntnisse und eine sachliche Darlegung der Probleme in den Kommunen reagiert werden muss. Es muss zudem wieder anerkannt werden, dass das Asylrecht sowie der Schutz von Grund- und Menschenrechten geltende Rechte sind und ihre konsequente Umsetzung einen Schutz und eine Stärke unseres Rechtsstaates darstellen.
Als BÜNDNISGRÜNE in Sachsen fordern wir deshalb von der Bundesregierung:
Als sächsische BÜNDNISGRÜNE sprechen wir uns für Vernunft, Pragmatismus und Rechtsstaatlichkeit in der Migrationspolitik auf allen Ebenen aus. Eine funktionierende und menschenrechtsbasierte Migrationspolitik ist eine wichtige Säule eines stabilen, solidarischen und damit sicheren Miteinanders aller Menschen.