Trauerfeier für Werner Schulz

12. Dezember 2022

Lehrtext für 9. Dez. 2022 bei Hebräer 12,3:

Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Wohin bist Du gegangen, lieber Werner?
Schaust Du jetzt herab auf uns in die Gethsemanekirche, die Du oft und gern besuchtest?
Oder schaust Du vielleicht auf die tapferen Menschen in der Ukraine, denen in den letzten Monaten Deine Sorge galt?
Das letzte Mal sahen wir uns am 19. Februar dieses Jahres auf einer Kundgebung am Brandenburger Tor. Du hieltest vier Tage vor Kriegsbeginn die eindrücklichste Rede der gesamten Veranstaltung. Du erklärtest den etwa 400 Teilnehmenden, warum die Ukraine nach Artikel 51 der UN-Charta das Recht auf Selbstverteidigung hat. Und warum es unsere Pflicht ist, den ukrainischen Soldaten bei der Wahrnehmung ihres Rechts zu helfen. Danke, Werner für diese prophetischen Worte.

Liebe mit mir Trauernde, ich habe Werner Schulz bei der Entstehung des Neuen Forums in Berlin und Leipzig kennen gelernt. Anfang August 1989 war ich mit Familie nach Sachsen, in Werners Heimatstadt Zwickau gezogen. Nicht nur deswegen hielt ich noch während der gesamten Gründungs- und Konsolidierungsphase der Bürgerbewegungen und auch während des Wahlkampfes zur Volkskammerwahl 1990 engen Kontakt zu den Berliner Freundinnen und Freunden, vor allem zu Werner Schulz, der uns aktiv im sächsischen Wahlkampf unterstützte. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass ich auf Listenplatz 1 der Bezirksliste Karl-Marx-Stadt in die Volkskammer gewählt wurde. Leider reichte das enttäuschende Wahlergebnis nicht für Listenplatz 2, den Werner innehatte.
Sein rhetorisches Talent, seine politische Klarheit und seine Leidenschaft für Ökologie und Menschenrechte bewogen mich Ende März 1990, mein Volkskammermandat an ihn weiterzugeben. Ich habe diese Entscheidung nie bereut, auch wenn manche Grüne mir gelegentlich vorwerfen, diesen Stachel im Fleisch noch angespitzt zu haben.
Ja, Werner Schulz galt als Stachel im Fleisch der Grünen.
Bis zur 89er Revolution war er eine Laus im Pelz der Mächtigen. Insofern waren wir uns sehr nahe, auch wenn die Kontakte des Friedenskreises Pankow, dem er angehörte zur Initiative Frieden und Menschenrechte, die meine Heimat war, überschaubar blieben. Er hätte das vielleicht so ausgedrückt: wir beide saßen als Ameisen am Gesäß der Mächtigen.

Als ehemaliger Schüler des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums und als Förderer des bündnisgrünen Kreisverbandes blieb Werner seiner Heimatstadt Zwickau verbunden. Ich erinnere mich noch, wie der gerade erst fusionierte Zwickauer Kreisverband im Jahr 2008 auf einer Mitgliederversammlung in Lichtenstein sein Votum zur Europakandidatur an Werner Schulz vergab. Wir Zwickauer bündnisgrünen Mitglieder freuten uns dann diebisch, als er nach einer fulminanten Rede auf der Bundesdelegiertenkonferenz im Januar 2009 den Listenplatz 8 für die Europawahl errang.
Zu dieser Zeit war ich schon Außenstellenleiter der Birthler-Behörde in Chemnitz und konnte dank meiner Funktion und meiner einschlägigen Erfahrungen mit der Geheimpolizei der DDR Werner beratend zur Seite stehen. Er stellte viele Fragen. Zum Beispiel; „Hatte ein Stasi-Offizier die Möglichkeit, auszusteigen?“ Oder: „Was passierte einem IM, der die Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst verweigerte?“ - „Wie viele IM haben sich bei dir entschuldigt?“ Werner konnte nicht nur antworten, er konnte auch sehr klug fragen.
Zu denken wäre beispielsweise an die sächsische Grüne Gunda Röstel aus Flöha. Er fragte sie, ob sie sich beim Bundesparteitag 1996 in Suhl eine Kandidatur zur Bundessprecherin vorstellen könne. Nachdem sie diese Frage nach einigem Zögern bejahte, tat er alles dafür, dass sie neben Jürgen Trittin zur Bundessprecherin gewählt wurde. Sie ihrerseits tat mit seiner Hilfe im Wahlkampf alles dafür, dass die Bündnisgrünen 1998 in Regierungsverantwortung kamen.

Hier und heute ist ein weiterer sächsischer Bündnisgrüner zu nennen, der durch Werner inspiriert und ermutigt wurde. Wolfram Günther, Staatsminister für Klimaschutz, Energie, Umwelt und Landwirtschaft und stellvertretender Ministerpräsident dankte kürzlich auf einer Feierstunde in Leipzig Werner dafür, dass er trotz Widerstände nie aufgab. Wolfram Günther sagte auch, dass Werner Schulz ihn inspirierte, politische Verantwortung im Regierungsamt zu übernehmen.

Werner Schulz engagierte sich für die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur. Dafür kämpfte er auch als Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Friedliche Revolution in Leipzig. Besonders beeindruckte mich Werners Unterstützung der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial. Er tat das seinige dazu, dass Memorial im Jahr 2022 den Friedensnobelpreis erhielt.

Lieber Werner, als derzeitiger Stadtrat in Zwickau kann ich vielleicht das meinige dazutun, dass es dort irgendwann eine Werner-Schulz-Straße gibt.

Martin Böttger, 9.12.2022 in Berlin, Gethsemanekirche

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